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Zeitpolitische Impulse

 CARE.MACHT.MEHR: VON DER CARE-KRISE ZUR CARE-GERECHTIGKEIT

 „ZEITKONTEN UND ATMENDE LEBENSVERLÄUFE”

 WEITERENTWICKLUNG DES TEILZEITRECHTS JETZT!

 

CARE.MACHT.MEHR: VON DER CARE-KRISE ZUR CARE-GERECHTIGKEIT

Eine Initiative engagierter Wissenschaftler/innen

Die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik unterstützt eine Initiative, die darauf aufmerksam macht, dass Care in allen Facetten sich heute in einer umfassenden Krise befindet. Zu Care gehören unverzichtbare Tätigkeiten wie Fürsorge, Erziehung, Pflege und Unterstützung, bezahlt und unbezahlt, in Einrichtungen und in privaten Lebenszusammenhängen, bezogen auf Gesundheit, Erziehung, Betreuung u. v. m. – kurz: die Sorge für andere, für das Gemeinwohl und als Basis die Sorge für sich selbst, Tag für Tag und in den Wechselfällen des Lebens. Care ist Zuwendung und Mitgefühl ebenso wie Mühe und Last. Gleichwohl ist Care keine Privatangelegenheit, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Auch wenn derzeit einzelne Themen öffentlich verhandelt werden (Kita-Ausbau, Pflegenotstand, Burnout etc.), sind grundsätzliche Lösungen nicht in Sicht. Das Ausmaß der Krise zeigt sich erst, wenn alle Care-Bereiche zusammen gedacht werden.

Eine Gruppe engagierter Wissenschaftler/innen aus unterschiedlichen Bereichen in Deutschland, Österreich und der Schweiz – Margrit Brückner (Frankfurt/Main), Claudia Gather (Berlin), Karin Jurczyk (München), Frank Luck (Basel), Katharina Pühl (Berlin), Maria S. Rerrich (München), Barbara Thiessen (Landshut) – wenden sich mit einem Care-Manifest an die Öffentlichkeit, weil sie den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, der über wechselseitige Sorge (Care) gewährleistet wird, gefährdet sehen. Denn es gibt zwar genügend differenzierte Analysen der Schwierigkeiten in unterschiedlichen Care-Bereichen, dringlich erscheint aber das Anliegen, weitere Öffentlichkeiten zu erreichen, um auf die Notwendigkeit umfassend veränderter Strukturen von Sorge und Versorgung hinzuweisen. Mit dieser Initiative soll Sorge, Zuwendung, Unterstützung, Pflege – kurz gesagt „Care“ – als Grundlage eines guten Lebens in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Aufmerksamkeit gerückt werden. Trotz einzelner Schritte, wie etwa dem in Deutschland inzwischen bestehenden Rechtsanspruch auf einen Kinder­betreuungsplatz auch vor dem dritten Lebensjahr, klaffen zwischen Angeboten und Bedarfen immer noch gravierende Lücken. Betreuungsplätze sind nur ein Aspekt des weiten Feldes von Care; überall entwickeln sich in der bezahlten und unbezahlten Sorge für Kinder sowie für kranke, behinderte und alte Menschen zusätzlich zu bislang nicht geschlossenen Versorgungslücken neue und gravierende Mangellagen durch Privatisierungspolitiken, Sparprogramme, Finanzierungsengpässe in Städten und Gemeinden u.a.m.

Die Initiatorinnen möchten hierfür zunächst eine größere Zahl von Unterstützer/innen einer solchen Initiative gewinnen. Ein zweiter Schritt wird dann ein offener Brief an wichtige Personen und Institutionen (Politik, Wohlfahrtsverbände, Fachöffentlichkeit u. a.) in Deutschland, Österreich und der Schweiz sein, die mit der Organisation öffentlicher und privater Care-Strukturen befasst sind. In Deutschland soll das noch vor Weihnachten geschehen. Darüber hinaus sind vielfältige Formate geplant, mit denen dieses Anliegen vertieft mit mehr Menschen diskutiert und weiterentwickelt werden kann, auch, um daraus konkrete Forderungen und Änderungsvorschläge zu entwickeln. Formen hierfür könnten Fachgespräche, kommunale Initiativen, länderübergreifende Workshops und Arbeit mit den Medien sein. Ziel ist es, vor allem Menschen in der erweiterten Öffentlichkeit zu erreichen, denen angemessene Möglichkeiten von Care-Versorgung ebenfalls ein Anliegen sind.

Ihre Unterschrift ist wichtig!

Wer das Care-Manifest unterzeichnen möchte, schickt bitte eine entsprechende Nachricht an folgende email-Adresse: info@care-macht-mehr.com oder trägt sich ein auf unserer Website www.care-macht-mehr.com. Für die geplante Verschickung eines offenen Briefes wird gleichzeitig um das Einverständnis, Ihren Namen (ggf. auch Titel, Funktion und Ort) als Unterzeichner/in nennen zu dürfen. Die Bekanntmachung der Initiative und die Verbreitung des Care-Manifestes an weitere Personen und in andere Öffentlichkeiten sind sehr erwünscht. Für weitere Ideen sind die Initiatorinnen offen und laden ein, ihren Kreis zu erweitern.

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„ZEITKONTEN“ UND „ATMENDE LEBENSVERLÄUFE“

„Zeitkonten“ und „atmende Lebensverläufe“ – warum wir eine neue Debatte um Zeit, Geschlecht und Erwerb brauchen

Die Verhältnisse von bezahltem Arbeiten und privatem Leben sind sowohl im Alltag als auch im Lebensverlauf durcheinander geraten. Die einen, vor allem die Männer, arbeiten zu viel, die anderen, vor allem die Frauen, würden gerne mehr arbeiten – und zwar zum richtigen Zeitpunkt, d. h. dann, wenn es ihren eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten, aber auch den Anforderungen aus ihrer Lebenswelt entspricht.

Noch bis vor etlichen Jahren schien klar, dass Frauen selbstverständlich ihre Erwerbsarbeit an die Bedürfnisse der Familie, an Kinderbetreuung und Pflege der Eltern anpassen. Jetzt sind sie zunehmend gefordert und gewillt, selbst ihren Lebensunterhalt zu sichern, spätestens im Fall der Trennung. Gleichzeitig steigen die Lebenserwartung und damit auch die durchschnittliche Dauer der Nach-Erwerbsphase, ebenso aber verdichtet sich die Arbeit und wird für immer mehr Beschäftigte zu einem Stressfaktor. Das eine ruft nach einem späteren Eintritt in die Rente, das andere weist auf Belastungsgrenzen hin, die teilweise schon längst vor dem Eintritt in das heute übliche Rentenalter erreicht werden.

Die Politik – d. h. die Arbeitszeitordnung, familienpolitische Maßnahmen sowie die sozialen Sicherungssysteme – arbeitet jedoch nach den alten Modellen: erstens dem dreiphasigen sequenziellen Lebenslauf, konstruiert entlang der männlichen Normalbiographie, das heißt mit Ausbildung, kontinuierlicher vollzeitiger Erwerbsarbeit und klarem Renteneintritt. Zweitens – da immer schon klar war, dass sich ja irgendjemand um Kinder und Alte kümmern muss – auf dem Ernährer- oder Zuverdienermodell, das Frauen höchstens eine teilzeitige Erwerbsarbeit zugesteht.

Diese Modelle passen weder zu heutigen Lebensentwürfen und Lebensformen, noch zu einer unsicher und flexibel gewordenen Arbeitswelt.

Kann vor diesem Hintergrund der derzeit wieder laut werdende Ruf nach einer 30-Stunden-Woche für Alle zielführend sein? Ich meine nein. Denn er ignoriert nicht nur Genderaspekte, sondern vor allem setzt er auf starre Vorgaben, die ignorieren, dass Zeitbedürfnisse in einer individualisierten und pluralisierten Gesellschaft entlang Lebenslagen und Lebensphasen variieren.

Wir brauchen einen atmenden Lebensverlauf, in dem Zeit und Energie bleiben für die anderen wichtigen Lebenstätigkeiten, allen voran für Care, d. h. die Sorge für Andere. Und wir brauchen Formen, die einen solchen ent-standardisierten Lebensverlauf für alle, d. h. auch und gerade für Männer, normal werden lassen und mehr Geschlechtergerechtigkeit ermöglichen.

Der aktuelle, zuletzt 2012 im „Dialog über Deutschlands Zukunft“ der Bundesregierung (www.dialog-ueber-deutschland.de/ergebnisbericht-kurz) formulierte Vorschlag für sogenannte „Carezeitbudgets“ will den Lebensverlauf entzerren. Er ist nicht ganz neu: er wurde vorgedacht im Gesetzentwurf für ein neues Arbeitszeitgesetz, das im Jahr 1984 von der Partei der GRÜNEN im Bundestag eingebracht – und „natürlich“ abgelehnt – wurde. Dieser u. a. von Ulrich Mückenberger und Karin Jurczyk konzipierte Gesetzentwurf enthält Überlegungen zu „Verfügungszeiten“, wie sie ebenfalls in den 1980ger Jahren von Offe und Hinrichs formuliert wurden. Und schließlich knüpft er an den Vorschlag zu den viel diskutierten „Optionszeiten“ an, der sich im Siebten Familienbericht der Bundesregierung von 2006 findet, und in den auch Expertise von etlichen Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik eingeflossen ist.

Denn es erweist sich als immer absurder, dass Männer und zunehmend auch Frauen durchpowern von 15 (bei Studium auch beginnend bei 25) bis 65 Jahren, um dann erschöpft in eine lange Rentenphase zu fallen, aber ihr Erwerbsleben lang immer weniger Zeit zu haben für die, um die sie sich kümmern wollen. Konkret könnte durch Entnahme von einem Zeitkonto von insgesamt ca. fünf bis acht Jahren, das allen zusteht, Arbeitszeit entweder phasenweise verkürzt oder aber unterbrochen werden.

Für gesellschaftlich relevante reproduktive Tätigkeiten wie Kinderbetreuung, die Versorgung von kranken und alten Menschen in persönlichen Beziehungen müsste es einen steuerfinanzierten Lohnersatz geben. Daneben könnte das Budget aber auch für social care genutzt werden, d. h. etwa für ein Engagement für die Kinder im Stadtviertel. Unterbrechungszeiten zur Selbstsorge – beispielsweise im Rahmen eines Sabbaticals – sollten in der Regel selbst finanziert werden.

Ein derart atmender Lebensverlauf als neue Normalität beinhaltet aber auch das Aufgeben einer starren Verrentungsgrenze. Denjenigen, die wollen und können, muss es möglich sein, länger zu arbeiten. Dadurch würde auch gleichzeitig die Frage der eigenständigen Existenzsicherung für Männer und Frauen selbstverständlicher werden. Sie wäre eine Grundanforderung für Jeden und Jede.

Wer behauptet, dass eine solche neue Konstruktion von Lebensverläufen – und hiermit die entsprechend notwendige Veränderungen von sozialer Sicherung, Lohnniveau von Frauen und Steuersystem – nicht bezahlbar ist, muss die Gesamtkosten der gegenwärtigen Regulierungen bis hin zu den Gesundheitskosten sowie den Ausgaben wegen der Altersarmut von Frauen in den Blick nehmen. Gewiss ist für die Ausarbeitung und erst recht die Umsetzung von Carezeitbudgets noch viel zu tun, denn es handelt sich nicht um ein kleines Reförmchen, das „nur“ an der Stellschraube der linearen Arbeitszeitverkürzung dreht. Es braucht vermutlich viele kleine Schritte und entsprechend viel Durchhaltevermögen. Aber es lohnt sich, auf so ein langfristiges Ziel hinzuarbeiten, bei dem Frauen wie Männer in ihrem Erwerbsverlauf selbstbestimmt und sozial abgesichert Sorgearbeit übernehmen können.

(erweiterte Fassung des Texts einer Sendung im Deutschlandradio Kultur am 11. 4. 2013)

Karin Jurczyk

www.dialog-ueber-deutschland.de/ergebnisbericht-kurz

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BEDÜRFNISSE DER BESCHÄFTIGTEN ERNSTNEHMEN:
WEITERENTWICKLUNG DES TEILZEITRECHTS JETZT!

Ein Aufruf des DGB und weiterer Sozialverbände

Die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik beteiligt sich an einem Aufruf des Deutschen Gewerkschaftbundes (DGB) zur Weiterentwicklung des Teilzeitrechts.

Ein aktueller Entwurf des Arbeitsministeriums für einen Rechtsanspruch auf befristete Teilzeit ist ein wichtiger Ansatz zu mehr Zeitsouveränität für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Er trifft derzeit auf scharfen Widerstand von Wirtschaftsverbänden und droht, im Gesetzgebungsverfahren verwässert zu werden.

Teilzeitarbeit ist meist eine Falle, die insbesondere für Frauen zuschnappt, um familiäre Verpflichtungen und Berufstätigkeit vereinbaren zu können. Einmal Teilzeit bedeutet oft immer Teilzeit. Die Bedürfnisse der Teilzeitbeschäftigten nach längeren Arbeitszeiten laufen meist ins Leere, weil diese keine entsprechende Arbeitsstelle finden, was in ihrem Lebensverlauf gravierende Nachteile mit sich bringt, beispielweise für die eigene Karriere oder die soziale Absicherung im Alter. Andererseits wünschen sich viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eine Reduzierung der Arbeitszeit zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Die DGfZP hat die Forderung nach einer Rückkehroption für Teilzeitbeschäftigte bereits seit Jahren gefordert - u.a. in öffentlichen Anhörungen zum Achten Familienbericht der Bundesregierung (2011).

Der Deutsche Gewerkschaftsbund, der Deutsche Frauenrat, der Sozialverband Deutschland, die Arbeiterwohlfahrt, die Diakonie Deutschland, das Bundesforum Männer, die Arbeitsgemeinschaft der deutschen Familienorganisationen, der Verband berufstätiger Mütter, das Zukunftsforum Familie und die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik sehen in diesem Entwurf einen wichtigen Schritt hin zu mehr Arbeitszeitsouveränität für Beschäftigte und fordern die Bundesregierung und die Politik auf, diesen umzusetzen und zu beschließen.

Pressemitteilung des DGB vom 14. 2. 2017: weblink

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Geschäftsstelle: Prof. Dr. Dietrich Henckel | Technische Universität Berlin | Institut für Stadt- und Regionalplanung | FG Stadt- und Regionalökonomie
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